Die Texte über die Entstehung der Gemeinde Fuldatal, die Ortsteile und die Bürgermeister stammen aus der Feder von Volker Luckhard vom Geschichts- und Heimatverein Fuldatal. Zum 50-jährigen Jubiläum der Gemeinde Fuldatal hat der Verein eine Publikation über die Geschichte Fuldatals herausgegeben. Wir bedanken uns außerordentlich für die Zurverfügungstellung dieser Dokumentationen.
Die kommunale Neugliederung in Hessen
Erste Anstöße zu Neugliederungsreformen gab es in Hessen bereits im Jahr1947. Eine von der Landesregierung eingesetzte Kommission unter Vorsitz von Prof. Hermann Brill schlug vor, „Zwerggemeinden“ unter 300 Einwohnern in größere Kommunen einzugliedern. Die Zahl der Landkreise sollte von 39 auf 31 gesenkt werden. Diese Vorschläge wurden nicht realisiert.
Ende der 1960er Jahre lebte die Diskussion wieder auf.
Am 28.Februar 1969 gab es in Hessen 2642 Gemeinden, 39 Landkreise und 9 kreisfreie Städte.
Der Hessische Minister des Innern veröffentlichte im Juli 1969 Grundsätze „Zur Planung der gebietlichen Neuordnung auf der Gemeindeebene in Hessen“ mit dem Ziel, mittels größerer Verwaltungseinheiten leistungsfähigere Gemeinden und Landkreise zu schaffen.
In einer Vorlage der Hessischen Landesregierung (Drucksache 7/1370) findet man eine fundierte Begründung für die Notwendigkeit einer kommunalen Neugliederung unter dem Motto: Stärkung der Selbstverwaltungskraft der Gemeinden:
„Gemeinden und Kreise weisen flächen- und einwohnermäßig außerordentlich große Unterschiede auf. Während die meisten Kleinstgemeinden keinen Einwohnerzuwachs oder sogar erhebliche Abwanderungen zu verzeichnen haben, nehmen die zentralen Gemeinden in den ländlichen Räumen und vor allem die großen Gemeinden in den Verdichtungsgebieten an Bevölkerung in der Regel ständig zu. Einwohnermäßig kleine Gemeinden verfügen zum Teil über große Gemeindegebiete, wachsenden großen Gemeinden fehlt Siedlungsraum. Bei den Landkreisen bestehen ähnlich krasse Unterschiede in Einwohnerzahl und Fläche. Wesentliche Unterschiede bestehen hinsichtlich der Bevölkerungsdichte und der Wirtschaftskraft.
Die sich aus dem gesellschaftspolitischen Wandlungsprozess ergebenden Aufgaben können von den kleinen Selbstverwaltungskörperschaften mangels ausreichender Verwaltungskraft vielfach nicht bewältigt werden. Demzufolge haben die Gemeinden in zunehmendem Maße versucht, durch kommunale Gemeinschaftsarbeit in Zweckverbänden ihre mangelnde Leistungskraft auszugleichen. Je geringer aber der unmittelbare Funktions- und Entscheidungsbereich der kommunalen Einheiten ist, um so weniger kann sich bürgerschaftliche Mitwirkung entfalten.
Die bestehende kommunale Verwaltungsstruktur verhindert die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in den verschiedenen Landesteilen, weil die erforderliche Infrastruktur leistungsfähige und großräumige Verwaltungseinheiten erfordert. Sie stimmt auch mit den natürlich gewachsenen Wirtschafts- und Lebensräumen nicht mehr überein. Eine sinnvolle Planung, ist in vielen Fällen unmöglich oder erfordert einen unverhältnismäßig hohen Koordinierungsaufwand.
Bei aller Anerkennung der Leistungen und der Anpassungsfähigkeit der kommunalen Selbstverwaltung, insbesondere bei der Bewältigung der Nachkriegsprobleme muss festgestellt werden, dass die kommunale Selbstverwaltung zur Erfüllung der heutigen, besonders aber der künftigen gesellschaftspolitischen Aufgaben einer gebietlichen und funktionalen Neuordnung bedarf.“
Erwin Stein, 30 Jahre Hessische Verfassung 1946-1976, Wiesbaden 1976, 1. Aufl. S. 368.
Die damalige hessische sozialliberalen Landesregierung unter Ministerpräsident Albert Osswald (Koalition SPD/FDP von 1970-1974) setzte sich das Ziel, die Zahl der Gemeinden auf 500 und die der Kreise auf 20 zu reduzieren.
Für die Kommunen wurden Anreize für freiwillige Zusammenschlüsse im Rahmen des kommunalen Finanzausgleiches geschaffen.
Die Gebietsreform war politisch sehr umstritten aber schließlich erfolgreich.
Am 31. Dezember 1971 hatte sich die Zahl der hessischen Gemeinden von 2642 (31.12. 1969) auf 1233 verringert.
Ab 1. Juli 1974 drohte eine Zwangszusammenlegung.
Stein, Erwin, a.a.O. S. 368f.
Die ersten Zusammenschlüsse von Gemeinden im Landkreis Kassel
Als es in den 1960er Jahren in Hessen darum ging, im Rahmen einer Verwaltungsgebietsreform Landkreise und Kommunen neu zu ordnen und größere Verwaltungseinheiten zu schaffen, wurde auch in unserer nordhessischen Heimat bald heftig und engagiert über die Bildung von Großgemeinden diskutiert.
Im damaligen Landkreis Kassel gab es zu diesem Zeitpunkt bereits drei neu geschaffene Großgemeinden.
Am 1. Januar 1964 hatten sich die Dörfer Altenbauna, Altenritte und Kirchbauna - ergänzt durch Großenritte am 1.Juli 1966 - zur Stadt Baunatal zusammengeschlossen.
Am 1. Juli 1967 folgten Dennhausen und Dittershausen. Die Großgemeinde Fuldabrück entstand.

HNA Presseartikel vom 28.06.1969
Im Norden des Landkreises vereinigten sich zur gleichen Zeit die bisher selbständigen Gemeinden Niedervellmar und Frommershausen zur Gemeinde Vellmar.
Alle Zusammenschlüsse geschahen auf freiwilliger Basis.
Ein großer Zusammenschluss bahnt sich an
Am 28. Juni 1969 konnte man in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) die Überschrift lesen:



HNA Presseartikel vom 28.06.1969
Wegbereiter für diese geplante „Heirat“ waren vor allem der damalige Bürgermeister von Ihringshausen Friedrich Sander, sowie die Bürgermeister von Simmershausen (Friedrich Wasmuth), von Wahnhausen (Wilhelm Heckmann), von Knickhagen (Erwin Lindemann) und von Wilhelmshausen (Helmut Drebing). Für sie waren auch die finanziellen Vorteile eines freiwilligen Zusammenschlusses wichtig, denn dazu gehörte eine auf zehn Jahre höhere Schlüsselzuweisung vom Land, die nicht in die Kreisumlage einbezogen wurde. Die Bürgermeister wurden in ihren Bemühungen maßgeblich unterstützt vom damaligen Landrat des Landkreises Kassel Josef Köcher, drohte doch auch eine Eingemeindung von Ihringshausen in die Stadt Kassel.
Köcher meinte damals:
„Als vom Land Hessen bekannt wurde, dass eine große Gebietsreform im Kommen war und daß Eingemeindungen nicht ganz zu verhindern sein werden, dachten wir mit Sorge an Ihringshausen. Nur wenn Ihringshausen mit anderen Gemeinden vereinigt werden konnte, war die Gefahr einer Eingemeindung nach Kassel beseitigt.“ …....
….... „Ich bin sicher, dass der freiwillige Zusammenschluss dieser fünf Gemeinden weiter Schule machen wird und dass der Landkreis für sich in Anspruch nehmen kann: „Wir brauchen kein Gesetz und keinen Zwang für eine Gebietsreform.“
HNA 28.6.1969

HNA Presseartikel vom 13.03.1972
Hier aber irrte der Landrat, denn Rothwesten verweigerte damals einen Zusammenschluss. Die Rothwestener hatten andere Vorstellungen. Sie gingen davon aus, dass Ihringshausen und Simmershausen in die Stadt Kassel eingemeindet würden und wollten lieber mit Holzhausen zusammen gehen. Dies scheiterte aber an den damals noch bestehende Kreisgrenzen zwischen Kassel und Hofgeismar.
Erst im August 1972 wurde diese Gemeinde aufgrund eines Landesgesetzes 6. Ortsteil der Großgemeinde.
5 GEMEINDEN = 1 GROSSGEMEINDE
Ihringshausen wirtschaftete 1969 mit einem ordentlichen Haushalt in Höhe von 2,5 Millionen DM, Simmershausen mit 705.850 DM, Wahnhausen mit 124.120 DM, Knickhagen mit 47.407 DM und Wilhelmshausen mit 190.747 DM.
Mit dem Versprechen des Ihringshäuser Bürgermeisters Sander im Kopf:
„Wir wollen niemand beherrschen, sondern eine echte Gemeinschaft bilden“
stimmten die fünf Gemeindevertretungen einem Zusammenschluss zu.
HNA 28.6.1969
Ihringshausen am 30.10.1969 13 Ja-Stimmen / 6 Enthaltungen
Simmershausen am 31.10.1969 einstimmig
Wahnhausen am 28.10.1969 5 Ja-Stimmen / 1 Nein-Stimme
Knickhagen am 31.10.1969 5 Ja-Stimmen / 1 Nein-Stimme
Wilhelmshausen am 31.10.1969 einstimmig
| Ortsteil | Einwohner (1970) | Fläche in ha |
| Ihringshausen | 8.705 | 776 |
| Simmershausen | 2.543 | 694 |
| Wahnhausen | 556 | 305 |
| Knickhagen | 232 | 241 |
| Wilhelmshausen | 755 | 451 |
Nur Ihringshausen und Simmershausen hatten damals einen hauptamtlichen Bürgermeister, die anderen Orte wurden ehrenamtlich verwaltet.
Die neue Grossgemeinde braucht einen Namen
Wenn etwas Neues in unsere Welt kommt, braucht es einen Namen, sonst wäre es namenlos, fremd, unbekannt, anonym. Ein neuer Mensch in dieser Welt bekommt schon bald nach der Geburt einen Vornamen und einen Familiennamen. Ein neu entdecktes Tier bekommt einen lateinischen Namen, ein Automodell kann ohne einen weltweit treffenden Namen nicht verkauft werden.
„Ein Name ist, .... ein verbaler Zugriffsindex auf eine Informationsmenge.“
Für fünf Dörfer im unteren Fuldatal, deren Ortsnamen alle vor einigen Jahrhunderten entstanden waren, musste ein neuer gemeinsamer Ortsnamen gefunden werden. Ein Name, der passend war, dem die Bevölkerung zustimmen konnte, der dauerhaft war. Der neue Name für die neue Großgemeinde sollte nicht ein künstliches sprachliches Gebilde sein, sondern ein Produkt seines Lebensraumes, das heißt, er sollte einen Bezug auf die heimatliche Landschaft haben, gewissermaßen mit der Landschaft unverkennbar verwurzelt sein. In der Presse wurde die Bevölkerung aufgerufen, Vorschläge zu machen. Bald wurden Namen wie Schocketal, Fuldatal, Reinhardshagen oder Reinhardshag diskutiert.
HNA 28.6.1969
Eine Entscheidung wurde schnell getroffen: „Fuldatal“ sollte der Name der neuen Gemeinde sein. Er fand schnell eine breite Zustimmung.
Einen treffenderen Name hätte man wohl kaum finden können, zumal alle 5 Ortsteile mit ihrer Gemarkung stellenweise an die Fulda grenzen und der Fluss eine kilometerlange Grenze der neuen Großgemeinde bildet.
Im Dezember 1969 konnte man im Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen im Teil I lesen:

Als am 1. Januar 1970 in dem nun mehr kleinsten Ortsteil Fuldatals in einem Staatsakt vom damaligen Staatsekretär im Hessischen Innenministerium Hans Krollmann und dem Landrat des Landkreises Kassel Josef Köcher die neue Großgemeinde offiziell gebildet wurde, stand auf den neuen Ortsschildern „FULDATAL“.

HNA Presseartikel vom 24.06.2010

Bild der Urkunde über den Zusammenschluss Fuldatals
3 Monate später, am 8. März 1970 stimmten in der notwendig gewordenen Kommunalwahl auch die Bürger von Fuldatal über den Zusammenschluss ab.
Ergebnis der 1. Fuldataler Kommunalwahl
SPD 57,6 %
CDU 22,4 %
Dorfgemeinschaft 17,0 %
Sonstige 3,0 %
Am 4. Mai 1970 wurde der bisherige Bürgermeister von Ihringshausen Friedrich Sander zum ersten Bürgermeister von Fuldatal gewählt.
Auf freiwilliger Grundlage war eine neue Großgemeinde mit ca. 12.800 Einwohnern und einer Fläche von 2467 ha entstanden.
1972 - Rothwesten wird 6. Ortsteil von Fuldatal
Das Gemeindeparlament und die Rothwestener Bevölkerung wehrten sich vergeblich gegen eine Zwangseingliederung in die neue Großgemeinde Fuldatal. Im „Gesetz zur Neugliederung der Landkreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen“ vom 1. August 1972 (LandkKNeuglG Gemeinde Fuldatal) heißt es im §9 : „Die Gemeinde Rothwesten wird in die Gemeinde eingegliedert.“
Am 1. August 1972 ging auch hier ein geschichtlicher Abschnitt zu Ende und ein neuer begann.

HNA Presseartikel vom 18.07.1972
Die neue Grossgemeinde Fuldatal
Die Fläche Fuldatals betrug nun 3410 ha. Davon entfielen auf:
| Knickhagen | 244 ha |
| Wahnhausen | 307 ha |
| Wilhelmshausen | 448 ha |
| Simmershausen | 693 ha |
| Ihringshausen | 774 ha |
| Rothwesten | 944 ha |
| Gewässer | 30 ha | 1 % |
| Verkehr | 136 ha | 4 % |
| Wald | 570 ha | 17 % |
| Bauland | 797 ha | 23 % |
| Landwirtschaftl. Flächen | 1.882 ha | 55 % |
Die Bevölkerungszahlen wiesen auf eine stetige Steigerung hin:
1961 | 1970 | 1975 | |
|---|---|---|---|
| Knickhagen | 213 | 215 | 224 |
| Wahnhausen | 542 | 556 | 581 |
| Wilhelmshausen | 735 | 755 | 823 |
| Simmershausen | 1.823 | 2.543 | 2.705 |
| Rothwesten | 1.541 | 1.795 | 2.203 |
| Ihringshausen | 4.424 | 5.359 | 5.640 |
Quelle: 5 Jahre neue Großgemeinde mit Zukunft; Info-Schrift der Gemeinde, 1975, S. 49 ff.
1970 lebten 11223 Einwohner in Fuldatal, davon waren 82,4 % evangelisch; 13,6% katholisch und 3,9 % Sonstige.
1975 war die Einwohnerzahl bereits auf 12176 Einwohner gestiegen.
„Fuldatal ist eine der fächenmäßig und – gemessen an der Einwohnerzahl – die viertgrößte Gemeinde im Landkreis Kassel. Gegenüber den anderen Gemeinden des Landkreises hat Fuldatal bei 13052 Einwohnern pro Quadratkilometer die geringste Dichte.“
Quelle: Festschrift 10 Jahre Fuldatal
Nach der Entstehung der neuen Großgemeinde wurde sofort ein Flächennutzungsplan erarbeitet. Dieser Plan, der ab 1975 durch den nun zuständigen „Zweckverband Raum Kassel“ mehrfach geändert und ergänzt worden ist „weist dem Ortsteil Ihringshausen die Aufgabe zu, die Grundversorgung im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich zu gewährleisten. Die Ausweisung von Industrie- und Gewerbeflächen beschränkt sich auf Ihringshausen. Die übrigen Ortsteile haben vorwiegend Funktionen als Wohnstandorte, wobei je nach örtlicher Initiative in den Ortsteilen Simmershausen, Knickhagen und Wilhelmshausen Voraussetzungen für die Fremdenverkehrswirtschaft gegeben sind.“
Im Jahr 1974 erhielt Fuldatal ein offizielles Wappen. Seit dem 20. Juni 1974 durfte es geführt werden.
„Es symbolisiert mit seinen Wellenbalken von links oben nach rechts unten den Fulda-Fluss, die darin enthaltenen sechs Streifen die in Fuldatal integrierten ehemaligen Dörfer Ihringshausen, Simmershausen, Wilhelmshausen, Wahnhausen, Knickhagen und Rothwesten.
Da Fuldatal sich als „Tor zum Reinhardswald“ versteht, wird der Reinhardswald durch zwei Eichenblätter symbolisch dargestellt..... Die Farbgebung wird wie folgt charakterisiert:...... Rot steht für Heimatverbundenheit. Goldfarben sind die beiden Eichenblätter..... Gold bzw. Gelb symbolisiert in der Heraldik Erhabenheit, Tugend, Hoheit, Würde.....“
Quelle: www.fuldatal.de

Fuldataler Wappen

