Ihringshausen
Ein geschichtlicher Spaziergang durch den Ort
Vieles, was uns heute alltäglich erscheint, war nicht immer so, sondern musste von früheren Generationen oftmals schwer erarbeitet werden. Mit einem Spaziergang durch die Zeit und den Ort soll dem Leser einiges davon nähergebracht werden.
Erstmals Kenntnis von Ihringshausen erhalten wir durch eine von König Heinrich III. am 15. Februar 1043 ausgestellte Urkunde. Hierin schickt er seinem Kaplan Arnold das Gut Iringeshusen in der Grafschaft Werner. Mit dem Gut belohnt der König seinen Kaplan für dessen jahrelange Treuedienste.
Die Existenz des Gutes berechtigt zu der Annahme, dass der Ort oder zumindest der Hof Iringeshusen älter als die vorerwähnte Urkunde ist. Leider gibt es hierfür keine eindeutigen Hinweise.
Lange verschwand der Name Ihringshausen dann wieder aus den Analen der Zeit. Hin und wieder mal eine Nennung in mehr oder wenige wichtigen Urkunden, aber in den ersten Jahrhunderten passierte eigentlich recht wenig. Das vermag vor allem daran gelegen haben, dass es sich einerseits um ein kleines Bauerndorf gehandelt hat, andererseits lag der Ort nur schwer zugänglich am Rande eines Sumpfgebietes, durch das keine Straße führte. Frühere Verkehrswege führten in einiger Entfernung am Dorf vorbei.
Erst 1527 dann eine Nachricht, die nicht nur für den keinen Ort, sondern für die gesamte Glaubenswelt und für die Menschen der damaligen Zeit von einschneidender Bedeutung war. Aufgrund der im Oktober 1526 auf der Synode im Homberg beschlossenen Reformation für Hessen, wurde im Jahr darauf unter Pfarrer Bretthauer in Ihringshausen der Glaubenswechsel vollzogen. Ein Kirchengebäude gab es zu der damaligen Zeit wohl noch nicht – erst 1572 ist zum ersten Mal ausdrücklich von einer Kirche die Rede. 13 Jahre später wurde Ihringshausen mit landgräflicher Genehmigung zur Filialgemeinde erhoben und konnte von nun an eigene Gottesdienste abhalten. Es dauerte weitere 153 Jahre, bis das alte Gotteshaus durch ein neues ersetzt wurde. Am 23. Februar 1738 wurde die Kirche in der Ortsmitte eingeweiht.
Die Geschichte Ihringshausens ist in den ersten Jahrhunderten eng mit der von Wolfsanger verbunden. So verwunderte es auch nicht, dass der erste ortsansässige Lehrer von dort stammt. Es war David Kuderbach, Sohn des Wolfsanger Schulmeisters und Opfermannes Adolf Kuderbach. Bis zum Jahr 1922 wurde die Stelle des Schulmeisters und Opfermannes von der Kirche besetzt. Dies änderte sich erst mit dem Gesetz über die förmliche Trennung der Ämter in vorerwähnten Jahr.
Der Unterricht fand im 16. und 17. Jahrhundert nur im Winterhalbjahr statt. Schulfächer, wie z.B. das Rechnen waren bis dahin unbekannt. Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Hessen im Jahre 1726 erschien dann neben Lesen und Schreiben auch Rechnen auf dem Schulplan.
In den Jahren 1870 bis 1872 wurde das erste Schulgebäude errichtet. Bis dahin wurde der Unterricht in dürftig hergerichteten Räumen abgehalten. 1890 wurde das zweite Schulhaus – welches im zweiten Weltkrieg völlig ausbrannte – gebaut. Im folge 1911/12 das heutige
Hauptgebäude (Grundschule) mit sechs Klassenräumen. Die heutige Grundschule wurde in den darauffolgenden Jahren immer wieder ausgebaut, so z.B. unter Bürgermeister Bickel in den Jahren 1930/31 auf zwölf Klassenräume. Fünf Jahre nach Kriegsende gelang es endlich, das mittlere Schulhaus wieder auszubauen und im November desselben Jahres besuchten schon 573 Kinder die Schule.
Ab 1970 ging aufgrund gesetzlicher Bestimmungen die Schulträgerpflicht auf den Landkreis über. Die Gemeinde beteiligt sich finanziell an den Aufwendungen, und zwar durch Zahlung einer Schulumlage, die mit der Kreisumlage gekoppelt ist.
Im November 1969 beschließt der Kreistag des Landkreises Kassel die Einführung der Förderstufe an den Schulen im Landkreis Kassel. Mit Beginn des Schuljahres 1970/71 besuchen alle Kinder des fünften Schuljahres aus Fuldatal die Förderstufe in Ihringshausen – heute besser bekannt als integrierte Gesamtschule.
In der schulischen Entwicklung machte die technische Entwicklung natürlich nicht Halt vor den Toren Ihringshausens. 1912 bekam der Ort die elektrische Stromversorgung und man baute die Wasserleitung. Vier Jahre später, im Jahr 1916, wurden die ersten Haushalte an die städtische Gasversorgung angeschlossen.
Was den wenigsten Bürgerinnen und Bürgen bekannt sein dürfte, in Ihringshausen stand die Wiege der heute noch überall verwandten Sicherheitstürschlösser. Die AG Hahn, ein Optik- und Mechanikbetrieb, baute in 1907 sein Werke auf de Eichhecke (spätere Pelzveredelung) und entwickelte dort u.a. die vorerwähnten Schlösser. Das Patent hierfür wurde Mitte der Zwanziger Jahre an die Firma Zeiss-Ikon verkauft, welche diese Schlösser noch heute herstellt und die in fast jedem Haushalt ihre Verwendung finden.
Nachdem die Brüder Hahn ihren Betrieb verkauft hatten, wurden in den Werkhallen Flugzeuge gebaut (Segelflugzeuge), zunächst unter Max Kegel, später unter Gerhard Fieseler. Wir können daher mit Recht behaupten, dass der Ursprung des Kasseler Flugzeugbaues in Ihringshausen lag.
Aber auch das klein- und mittelständische Gewerbe erlebte zur Jahrhundertwende einen enormen Auftrieb. 1900 gründet Meister Kompenhans seinen Schumacherbetrieb in der ehemaligen Gemeindeschenke. Zur gleichen Zeit eröffnete Heinrich Hochapfel eine Schlachterei und Peter Vockenroth einen Kolonialwarenladen. 1902 übernahm Albert Eberhardt die "Neue Bahnhofswirtschaft" und 1921 gründete Otto Höhmann seine Buchdruckerei. Die Färberei Adolf Altmann siedelte sich 1928 an. Zahlreiche Betriebe folgten. Es war eine logische Folge, dass sich die Gewerbetreibenden 1920 zum Handwerker- und Gewerbeverein zusammenschlossen, dessen heutiger Vorsitzender der Optiker Horst Dormann ist.
Wir wollen das Zeitrad jedoch nochmals zurückdrehen. Seit 1848 führ die Postkutsche von Kassel nach Veckerhagen. Es gab allerdings keine regelmäßigen Postzustellungen. Die wenigsten Haushalte erhielten Post oder Zeitungen. 1899 wurde der Postkutschenverkehr eingestellt und ab 1927 führen dann Omnibusse der Reichsbahn oder später Postomnibusse.
Die Briefzustellung durch Boten wurde 1861 eingerichtet. Eine Postagentur allerdings erst im April 1885, die 1904 zu einem Postamt mit Verwalter umgewandelt wurde. Bis 1914 stellte man werktäglich drei und sonntäglich eine Postsendung zu. Das Postamt befand sich seinerzeit im Hause der Kohlenhandlung Liebehenz. Nachdem das Haus den Besitzer wechselte, musste die Postagentur für fast drei Jahre in einer ehemaligen Waschküche untergebracht werden, bis sie dann für viele Jahre ihr Domizil im Haus Veckerhagener Straße 76 fand. In den 80iger Jahren dieses Jahrhunderts baute die Post ein neues Gebäude neben dem Rathaus – ebenfalls ein Neubau aus dem Jahre 1981, in dass das ehemalige Bürgermeisteramt baulich mitintegriert wurde.
Weitere technische Entwicklungen prägten das Ortsbild der vergangenen 150 Jahre. Im September 1856 weihte man die Eisenbahnstrecke Kassel-Hannover ein. Später folgte die Verbindung Kassel-Halle. Uns allen in Erinnerung sind die vor wenigen Jahren abgeschlossenen Bauarbeiten an der Hochgeschwindigkeitsstrecke des ICE. Leider fiel unser alter Bahnhof – in der 90iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut – der Trasse und der Bahnpolitik zum Opfer. Erfreulich ist allerdings die Hoffnung, dass die Deutsche Bundesbahn auf intensives Betreiben der Gemeinde wieder einen Haltepunkt für Nahverkehrszüge in Ihringshausen einrichten muss.
Wie schon zu Beginn erwähnt, lag Ihringshausen abseits der Verkehrswege. Nach 1746 wurde berichtet, dass nur einige Fußwege in das Dorf führten. Mit dem Bau der vorerwähnten Eisenbahnlinie und der Anlage einer Straße von Kassel nach Veckerhagen, etwa zwischen 1790 bis 1800, änderte sich die schlechte Verkehrssituation. Besagte Straße war mit einer Eichen- und Buchenallee bestanden, wovon die letzten Bäume 1914/18 der Axt zum Opfer fielen. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts war die wassergebundene Decke das Normale. Das galt auch für die in Ihringshausen durchziehende Landesstraße (heute B 3), bis sie etwa 1926 mit Quarzit- und Basaltsteinen gepflastert wurde. Begradigt, verbreitert und asphaltiert wurde die Ortsdurchfahrt Mitte dieses Jahrhunderts. Die übrigen Straßen im Ortsgebiet wurden vornehmlich zwischen dem ersten und Beginn des zweiten Weltkrieges ausgebaut.
Mit der Gebietsreform im Jahr 1970 schloss sich die bis dahin selbständige Gemeinde Ihringshausen mit zunächst vier weiteren Ortschaften zur Großgemeinde Fuldatal zusammen. Ihringshausen wurde Verwaltungssitz. In den übrigen Ortsteilen werden aber bis heute Verwaltungsaußenstellen unterhalten. Die Verwaltungsreform war wohl der bisher größte kommunalpolitische Einschnitt in das Leben der Menschen dieser Region, war aber auch aus finanzpolitischer und verwaltungstechnischer Sicht notwenig. Trotzdem hat der Ort Ihringshausen, wie auch die übrigen Ortsteile, seine eigene Identität behalten, obwohl sich die Bürgerinnen und Bürger inzwischen als Fuldataler fühlen.
Hier endet unsere Zeitreise. Vieles zur Ortsgeschichte wurde nicht erwähnt. Aber wie bereits eingangs angesprochen, sollte es nur ein Spaziergang durch die Jahrhundertwende werden, auf dem man das eine oder andere mitnimmt. Nicht vergessen möchten wir allerdings die Gründung der katholischen Kirchengemeinde (1917), deren Kirchenneubau 1959, die ersten Gottesdienste der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde im Jahr 1958, das Gründungsdatum der Raiffeisenbank im Januar 1905, das der Kreissparkasse, die seit Dezember 1935 ihre Filiale in Ihringshausen betreibt und zu guter Letzt eine der größten Arbeitgeber der Region: das Ziegel- und Braunkohlewerke Möncheberg (1822 – 1963).